Was mich nicht umbringt

Seit zwei Tagen stauen sich die Tränen an. Damit es nicht noch schwerer wird.

Ich will nicht die Hilflosigkeit anderer Menschen (er)tragen müssen. Ich will nicht mal in ihre hilflosen Gesichter sehen. Auch nicht in mitfühlende. Und erst recht nicht in mitleidende.

Es ist, wie es ist. Und ja, es ist scheiße. Aber es ist nun mal so.

So abgebrüht, wie es klingt, bin ich aber gerade noch nicht. Ich hadere mit meinem Schicksal und finde das Leben unfair. Warum denn schon wieder ich? Eine schwere Krankheit reicht doch. Vor allem, wenn man erst 30 ist?

„Warum müssen Sie das denn jetzt auch noch haben?“, fragte meine Ärztin vor zwei Tagen. Und irgendwie hörte es sich eher vorwurfsvoll als mitfühlend an.

Ich weiß es nicht. Und ich will auch keine Fragen beantworten. Ich kann nicht ändern, was da ist. Und ich weiß auch noch nicht, was werden wird. Ich weiß nur, dass es nicht mehr weggeht, dass es mit der Zeit schlimmer wird und ich mal wieder einen Weg finden muss, damit zu leben. (Darin wird man übrigens nicht routiniert…)

Und der fängt jetzt an. Zwei Tage später. Das erste Mal, wo ich alleine bin. Nicht mit der Hilflosigkeit anderer konfrontiert. Nur mit mir selbst. Und dem Wissen, dass ich mich alleine halten kann.

Dick und nass rollen sie Träne um Träne über meine warmen Wangen.

Die Heilung beginnt.

 

 

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Das machen High-Performer so

Montag, der 5. August – das ist doch ein gutes Datum für einen Neuanfang, nicht wahr? Zumindest die Tatsache, dass es sich um einen Montag handelt. Neuanfänge eignen sich immer ganz gut für Montage. Noch mehr aber für Monatsanfänge. Und die Königsdisziplin ist natürlich der Jahresanfang, der mit einem Montag zusammenfällt. Außerhalb dieser Reihe gibt es übrigens nur ein weiteres geeignetes Datum für Neuanfänge: der eigene Geburtstag.

Ihr seht schon, es ist kein mustergültiger Neuanfang, schließlich ist „nur“ Montag, aber das hat meiner Motivation keinen Abbruch getan. Die nächsten vier Monate führe ich nun ein Journal für High-Performer, mit dem ich meine Produktivität in ganz andere Sphären bringen soll.

High-Performer starten natürlich nicht einfach so. High-Performer haben sich bereits vorbildlich am Tag vorher vorbereitet. Deshalb habe ich nicht nur meine Ziele definiert, sondern auch meine Morgenroutine ausgefeilt. Die ist im Großen und Ganzen bereits super, nämlich – in aller Bescheidenheit – sehr positiv, effektiv und effizient, nun wollte ich aber noch eine kurze geführte Meditation und das Schreiben im Journal ergänzen. Dadurch soll es einem noch besser gehen.

Meine Freude auf den Tag wurde allerdings etwas gedämpft, als ich aus dem Bett sprang stieg und mich mein Körper daran erinnerte: Alter, mach langsam, du hast Rheuma! Schmerzhaft begann er also, der Tag. Dann gibt’s mal wieder Cortison zum Frühstück (davon wegzukommen, ist definitiv eins der Ziele für die nächsten Journals). Die Morgenroutine lief ansonsten reibungslos.

Und tatsächlich hat mir das Journal dabei geholfen, einen sehr produktiven Tag zu erleben. Endlich habe ich den Workshop zur Personenmarke konzipiert, den ich schon seit Monaten auf die Beine stellen wollte. Endlich habe ich es geschafft, eine „Herzlichen Glückwunsch zur Geburt“-Karte zu kaufen. Und endlich habe ich es geschafft, alle Leute einer E-Mailliste anzuschreiben, von denen plötzlich ein Namensschild aus den Untiefen eines Büroschranks aufgetaucht ist.

Aber.. Produktivität hin oder her, mein Tag war bis zum Nachmittag nicht schön. Das war nicht nur den Schmerzen geschuldet, sondern dem Stresspegel. Permanent wollte jemand was von mir, während ich auf drei Baustellen gleichzeitig rumspringe, von denen jede nochmal ihre eigenen Aufgaben und Besonderheiten hat. Mir fehlt(e) eindeutig Gelassenheit. Eventuell dehne ich die 5-Minuten-Meditation auf 2 Stunden aus.

Sobald ich konnte, habe ich mich der jeweiligen Stresssituation entzogen und es geschafft, mir am Nachmittag eine halbe Stunde nur für mich zu nehmen. Danach stand eine Wohnungsbesichtigung auf dem Plan (definitiv auch ein Stressthema). Anschließend war ich dann so wahnsinnig und naiv, montags um 16:30 Uhr in einen Supermarkt zu gehen. Einerseits offensichtlich, um mir Menschenmassen anzusehen, andererseits offensichtlich, um mir die Regalböden anzusehen. (Ist denn schon wieder Feiertag? Oder gibt es sonstige Anzeichen dafür, dass die Lebensmittelversorgung endet? Sagt es mir, ich habe nichts mitbekommen!)

Mir ist bewusst, wie ironisch das nun klingt, aber ich muss festellen, dass ich im Supermarkt gelassen wurde. Während ich in der langen Schlange an der Kasse stehe (mit vermackten Zucchinis, schon ziemlich braunen Bananen und sehr, sehr reifen Heidelbeeren) und sehe, wie sehr sich andere Leute von dieser Situation stressen lassen, die sie gerade sowieso nicht ändern können, fahre ich runter. Tatsächlich war das der Moment am Tag, an dem es mir am besten ging.

Jedenfalls solange, bis ich Zuhause war und erneut und erfreut feststellte, dass ich nun runterfahre. Dass ich produktiv war und es total okay finde, jetzt nichts mehr zu tun, sondern einfach nur zu sein.

Aber eine kleine Challenge wartet nun noch auf mich: Kein Candy Crush mehr im Bett abends (manchmal bin ich wirklich hart zu mir).

Und jetzt… Jetzt wird es Zeit, ans Journal zu gehen. Der Tag will nicht nur geplant, sondern auch reflektiert werden. Das machen High-Performer so, meint das Journal.

Och… ich bin zufrieden

Ich hatte gerade den letzten Bissen meiner Pizza runtergeschluckt und den Teller beiseite geschoben, als eine ältere Dame freudestrahlend auf meine Freundin zuging. Ihre Miene erhellte sich ebenfalls schlagartig und sie sprang auf, um sie zu begrüßen.

Die beiden kannten sich von früher. Aus dem Stall. Immer dann, wenn die ältere Dame ihre Autotür zuschlug, fingen die Pferde bereits an mit den Hufen zu scharren. Logisch. Jeder weiß, dass ältere Damen immer was zu essen dabei haben. Und sie war eindeutig eine von den guten.

„Wie geht es Ihnen?“, fragte meine Freundin erfreut.

„Och… ich bin zufrieden“, sagte sie und Lachfalten zogen sich über ihr 84jähriges Gesicht.

Ihre positive Art ergriff mich sofort und ich fing an zu strahlen wie ein Honigkuchenpferd. Sie war so echt, so authentisch, so warm, dass die Welt in diesem Moment so unfassbar in Ordnung war.

Habt ihr jemals gehört, dass ein Mensch auf die Frage, wie es ihm geht, antwortet, dass er zufrieden ist?

Und wie oft hört man überhaupt, dass jemand zufrieden ist?

Und wie oft sagt ihr: „Ich bin zufrieden“?

Ist das nicht schön, wenn man vollen Herzens sagen kann, dass man zufrieden ist?

Ich finde schon. Es ist schön. So, so schön.

Was brauchst du, um sagen zu können, dass du zufrieden bist? Schonmal drüber nachgedacht?

Das ist definitiv einen Gedanken wert. Sogar mehr als einen, finde ich.

 

Coming home

Die Dichte an Ärzten, Juristen und Managern ist extrem hoch. Das war auch zu erwarten. Immerhin gingen wir auf eine Schule, an deren Ende ein pompöser Abiball im Hilton stand. Und weil wir so bescheiden sind und so wenig Geld haben, ließen wir auch direkt noch ein DSDS-Sternchen auftreten.

Wenn die Eltern schon Ärzte, Juristen und Manager sind und in der Villengegend unserer ohnehin gut betuchten Stadt ein beachtliches Anwesen besitzen, dann sind manche Wege wohl (scheinbar) vorgezeichnet.

Vielleicht war auch ein bisschen zu erwarten, dass es bisher gerade mal 10 % sind, die inzwischen Kinder haben (während ungefähr genauso viele schon ihren Doktor in der Tasche haben). Ich weiß noch genau, dass im Abibuch steht, in zehn Jahren stelle ich mir vor, verheiratet zu sein, ein eigenes Haus und Kinder zu haben.

Aber es kam anders. Wie bei so vielen. Während die eine verrückte Menschen für bekannte Formate von Privatsendern castet, war die andere an der G5-Auktion beteiligt. Und wenn man zusammennimmt, welche Orte wir schon gesehen haben, dann wurde inzwischen die ganze Welt bereist.

So abgehoben und arrogant der Hintergrund mancher Familien und der Schule klingen mag, so bodenständig sind wir dennoch immer gewesen und erstaunlicherweise auch geblieben. Niemand fragte nach dem Haus, dem Boot, dem Auto. Und die, mit denen man sich früher nicht gut verstanden hat, begegnen einem heute mit offenen Armen. Jeder interessierte sich aufrichtig für den anderen, freute sich über die Wege, die die Menschen genommen haben, würdigte das Strahlen in den Augen, bestärkte andere in ihrem Tun und war letztlich immer nur an einem interessiert:

Bist du glücklich (geworden)?

 

 

 

 

Wind of Change

Wie meistens einmal im Halbjahr habe ich mich wieder in die Höhle der Löwin begeben und meine Mutter in der 150 km entfernten Heimat besucht.

Irgendwann, als sich unser Gespräch Richtung Klima und Fridays for Future entwickelte, sagte ich folgenden Satz:

„Ich finde es wichtig, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass wir alle für das Klima verantwortlich sind und damit auch die Pflicht haben, unseren Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.“

„Wieso? Tust doch doch auch nicht. Du bist mit dem Auto hier“, meinte meine Mutter.

Sie hat insoweit Recht, dass ich mit dem Auto da war. Mir deswegen allerdings abzusprechen, grundsätzlich etwas für das Klima zu tun, ist schlichtweg falsch, übergriffig und beleidigend. Aber es ist leider typisch deutsch. Entweder du gibst alles (und das immer und zu 120 %) – ernährst dich also vegan, fährst maximal mit dem ÖPNV, kaufst Second-Hand-Kleidung, nutzt grundsätzlich Energiesparlampen, achtest auf regionale Produkte etc. – oder du kannst es halt auch direkt lassen, weil du es sonst nicht ernsthaft betreibst, und damit schon gar kein Recht dazu hast, zu sagen, jeder sollte was fürs Klima tun. Entweder du bist die Heiligkeit vorm Herrn oder der erste, den sie kreuzigen, sobald sie sich auf den Moralschlips getreten fühlen, weil sie in deinen Worten Dinge hören, die du nicht gesagt hast. (Das ist übrigens ähnlich wie mit Veganern.)

Und stellt euch echt mal vor, man würde wirklich fordern, jeder sollte was für das Klima tun. Jeder! Wo kämen wir denn da hin? Freiheit wird ja inzwischen an Tempolimit und Fleischkonsum gemessen. Und die Würde eines jeden ist schließlich unantastbar. Dem Klima den Vorzug zu geben, wäre ja eine geradezu lächerliche Debatte. Jedenfalls solange, bis die eigene Arroganz und Ignoranz unsere Gesellschaft und schließlich die Weltbevölkerung in eine Lage bringt, die wir selbstverständlich nicht haben kommen sehen.

Ich finde, Marc-Uwe Kling bringt es ziemlich gut auf den Punkt:

„Ja, wir könnten jetzt etwas gegen den Klimawandel tun, aber wenn wir dann in 50 Jahren feststellen würden, dass sich alle Wissenschaftler doch vertan haben und es gar keine Klimaerwärmung gibt, dann hätten wir ja völlig ohne Grund dafür gesorgt, dass man selbst in den Städten die Luft wieder atmen kann, dass die Flüsse nicht mehr giftig sind, dass Autos weder Krach machen noch stinken und dass wir nicht mehr abhängig sind von Diktatoren und ihren Ölvorkommen. Da würden wir uns schön ärgern.“

Und wer will sich schon ärgern?

Eine ähnliche Alles-oder-nichts-Mentalität wie meine Mutter teilt auch ein anderer Mensch in meinem nahen Umfeld: „Wir können am Klima nichts mehr ändern“, glaubt er (hört er immer im Fernsehen). Und genau deswegen, angenommen, es würde stimmen, kann man ja halt auch erst recht alle Strecken mit dem Auto zurücklegen, aus Vergnügen fliegen und insbesondere Sportfliegerei betreiben, Fleisch essen und einfach auf alles scheißen. Immer in der festen Überzeugung, dass die Würde des Menschen unantastbar ist und grundsätzlich vor dem Klima kommt. Und es macht alles noch viel mehr Spaß, wenn man bereits in einer Position ist, in der man die Radieschen sowieso schon von unten betrachtet, während sich die weltweite Lage dramatisch zuspitzt. Je älter die Menschen werden, desto öfter begegnet mir diese Haltung. Nach mir die Sintflut – wahrscheinlich im wahrsten Sinne des Wortes.

Ich kann das Klima alleine nicht retten – selbst wenn ich alles gäbe, also die 150 km mit dem Zug gefahren wäre, wäre das noch zu wenig. Ich kann es aber auch alleine nicht ruinieren. Vielmehr muss ich mir darüber bewusst sein, dass ich Teil eines großen Ganzen bin. Zwar nur ein kleiner Teil, aber einer, der gemeinsam mit den anderen kleinen Teilen sehr, sehr viel bewegen kann. In die eine wie in die andere Richtung.

Dafür brauchen wir aber erstmal ein Bewusstsein. Die Alles-oder-nichts-Denke ist dabei nicht hilfreich, in meinen Augen ist sie sogar hochgradig kontraproduktiv. Um es mit Voltaire zu sagen: „The perfect is the enemy of the good.“

„Etwas“ ist immer noch besser als „gar nichts“. Und wenn es nur bedeutet, dass die Schinkenwurst ab sofort alle zwei Tage und nicht mehr täglich auf dem Brot landet, dann ist das immerhin „etwas“. Also besser als „gar nichts“ und als der Glaube, man selbst könnte sowieso nichts tun!

Wer übrigens wirklich glaubt, er wäre zu klein, um Großes zu bewegen, war noch nie alleine mit einer Mücke in einem Raum. Und was Mücken schaffen…

Tipp:
Absolut empfehlenswert ist übrigens die Aprilfolge der Anstalt zum Thema „Klima“: https://www.zdf.de/comedy/die-anstalt/die-anstalt-vom-9-april-2019-100.html

Shame on me

An was denkt ihr, wenn ihr das Wort „Scham“ hört?

Vielleicht denkt ihr wie ich an diese peinlichen Situationen, die euch widerfahren sind, wo ihr noch abends im Bett knallrot angelaufen seid und euch am liebsten für immer unter der Decke verkrochen hättet.

Das ist allerdings keine Scham, sondern Verlegenheit bzw. Peinlichkeit, was oft mit Scham verwechselt wird.

Scham ist ein intensives, schmerzhaftes Gefühl, das bis zum körperlichen Schmerz reicht, und uns glauben lässt, wir wären fehlerhaft oder unzureichend und deshalb nicht wertvoll oder liebenswert.

Diese Definition stammt von Brené Brown, einer Forscherin, die sich seit vielen Jahren mit Verletzlichkeit und Scham beschäftigt. Aktuell lese ich ihr Buch „Daring greatly“, in dem Scham eine besondere Rolle einnimmt.

Seitdem hagelt es Erkenntnisse.

Perfektionistische Menschen – also definitiv ich – sind durch Scham getrieben. Und wenn ich so recht darüber nachdenke, dann kann ich das nur bestätigen. Mir war nie klar, wieso ich mich in manchen Situationen verhalte, wie ich es tue. Weshalb ich manchmal ziemlich unfreundliche Gedanken mir gegenüber habe. Wieso ich glaube, dass das gerechtfertigt wäre.

Gleichzeitig erkenne ich die Scham aller anderen Menschen. Die Scham meiner Mutter, meiner Brüder, meines Partners, meines Vorgesetzten, meiner Mitmenschen. Die Scham, nicht gut genug zu sein, nicht liebenswert zu sein, unzureichend zu sein, fehlerhaft zu sein.

Scham zieht sich durch das Leben jedes Menschen und betrifft die Bereiche Aussehen/Körper, Geld/Arbeit, Elternschaft, Erziehung, Sex, Religion, Familie, mentale/physische Gesundheit, Sucht, überstandene Traumata und Stereotypen/Vorurteile. Es gibt keinen Menschen, der keine Scham fühlt.

Die gute Nachricht ist: Man kann eine Schamresilienz entwickeln, einen gesunden Umgang mit Scham finden.

Ich gebe zu, ich „struggle“ noch. Aber ich schäme mich nicht, zuzugeben, wofür ich mich schäme.

Ich schäme mich für meine Cellulites, für mein furchtbar schlechtes Bindegewebe. Rund 50 Kilo abgenommen zu haben, hat es nicht besser gemacht.

Ich schäme mich für meine Rheumaerkrankung.

Ich schäme mich dafür, krumme Zehen zu haben und einen bereits leicht verkrüppelten Finger.

Ich schäme mich dafür, ständig an den Fingern zu knibbeln.

Ich schäme mich für meine kaputten Finger durchs Knibbeln.

Ich schäme mich zu sagen, dass ich mich weitgehend vegan ernähre.

Ich schäme mich dafür, sehr gut ausgebildet zu sein, und trotzdem nur eine halbe Stelle zu haben, während ich gleichzeitig zwar zwei Unternehmen, aber bisher trotzdem nie das Geld verdient habe, das mir gemäß meiner Bildung – rein statistisch – zukommen müsste.

Ich schäme mich für den Großteil meiner Familie und dafür, wie sie lebt.

Ich schäme mich dafür, extrem viel Cola zu trinken.

Ich schäme mich dafür, mein Essen zu wiegen und Kalorien einzutragen.

Ich schäme mich dafür, essenstechnisch zu eskalieren, wenn ich keine Gelegenheit habe, mein Essen zu wiegen.

Ich schäme mich dafür, heimlich eine Küchenwaage in meinem Aktenschrank zu haben.

Ich schäme mich dafür, mein halbes Leben schon mit einer Essstörung zu kämpfen.

Ich schäme mich dafür, immer wieder depressive Phasen zu haben, mit meiner Energie nicht immer gut haushalten zu können und irgendwie auch nie genug davon zu haben.

Ich schäme mich dafür, mir keine Pausen zu gönnen und nicht abschalten zu können.

Scham ist übrigens keine Schwäche. Das weiß ich, deshalb kann ich darüber sprechen. (Übrigens einer der ganz wichtigen Teile von Schamresilienz.)

Sie abzustellen bzw. ihr konstruktiv zu begegnen, gelingt mir allerdings nicht. Noch nicht.

 

Wie man ganz schnell Single wird #75

Der Liebste hält mir sein Handy unter die Nase.

„Hier, ein Nerdwitz, hat mir der Malte geschickt.“

Da steht irgendwas von Elon Musk, dem Mars und Doom.

Ich verstehe es nicht und gebe dem Liebsten sein Handy wieder.

„Soll ich es dir erklären?“, fragt er.

„Nee.“

„Auch nicht, wenn es ein wichtiges Kulturgut ist?“

„Ja. Ich kann gut damit leben, hier eine Bildungslücke zu haben.“

„Jetzt muss ich nur noch damit leben können, dass du da eine Bildungslücke hast“, murmelt er.

Ich gucke ihn scharf an.

„Wie man ganz schnell Single wird…“, sage ich.

„Ja, genau“, meint er. „Indem man eklatante Bildungslücken hat!“