Bettler

Mit krummem Rücken sitzt er dort,

tagein, tagaus am selben Ort,

sieht Menschen rasch vorüberzieh’n,

als ob sie vor der Wahrheit flieh’n.

 

Mit konsequenter Ignoranz,

gewährt der Mensch ihm keine Chance,

einmal freundlich nachzufragen,

nur als Bitte, ohne Klagen.

 

Man kennt ihn schon, doch will es nicht,

dies‘ Stadt verschandelnde Gesicht,

als Sinnbild für des Menschen Leid

in unsrer wohlhabenden Zeit.

 

Sein Leben, es ist kalt und rau,

doch eins, das weiß er ganz genau,

Hoffnung ist noch nicht erloschen,

bald schon fällt der nächste Groschen.

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Wir in Einzelteilen

Hast du jemals drüber nachgedacht, dass wir vielleicht nicht unendlich sind?

Dass wir uns zwar bis ans Ende unseres Lebens lieben und dass wir sind, bis dass der Tod uns scheidet, sogar noch eine ganze Weile darüber hinaus, aber dass wir eventuell nicht unendlich sind, weil unsere Geschichte vielleicht irgendwann anders erzählt wird, als sie wirklich war?

Dass die Menschen über uns sagen werden, wir wären irgendwann getrennte Wege gegangen?

Und dass sie uns damit vernichten?

Dass sie unserer heute so unerschütterlichen Unendlichkeit ein Ende setzen?

Dass aus dem wir wieder ein einzelnes Du und Ich wird, und das auch noch so ungewollt?

Dass wir jetzt nichts dafür tun können, um unsere Unendlichkeit in die Ewigkeit zu tragen?

Dass wir nur die Möglichkeit haben, jetzt zu sein?

Hast du jemals drüber nachgedacht, dass wir vielleicht nicht unendlich sind?

Und ist dir dann auch so klar geworden, dass das wir nur heute zählt?

Dass wir nur heute zählen?

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des .txt-Projekts. Das Wort lautet unendlich.

Hausgemacht

Das ist Manfreds Beitrag zum aktuellen Schreibprojekt 9+1 mit dem Satz „Ihr könnt mir vertrauen, ich will euch nichts Böses“.


»Wie ich sehe, steht euch keine Freizeit mehr zu.«
»Das kann nicht sein, wir sind jung, schau bitte nochmal nach.«
»Hier steht es: keine Zeit mehr. Ihr könnt mir vertrauen, ich will euch nichts Böses.«
»Das stimmt nicht.«
»In Übereinkunft mit dem Chef, den Verpflichtungen – et cetera, et cetera – hab ihr, alle Zeit, die ihr noch zur Verfügung hattet, verplant.«
»Neeein! Wir haben noch so viel vor, Besseres!«
»Tut mir leid, so steht es hier. Wolltet ihr das denn nicht?«

Schreibprojekt 9+1 (KW 20)

Schönen Dank an die Mitmacher vom letzten Mal! Hier findet ihr Geschichten über Homosexualität und blaue Haare, über Gedanken ans Früher und über Helikopter-Mütter.


Der nächste Satz stammt aus dem Buch „Die richtigen Worte finden“, das ich aktuell lese (S. 85).

Ihr könnt mir vertrauen, ich will euch nichts Böses.

Wie immer: Eine Kurzgeschichte mit 10 Sätzen, einer davon muss der vorgegebene sein.

Für einen Tag

Das ist Manfred Beitrag zum aktuellen Schreibprojekt 9+1 mit dem Satz „Davon könnt ihr euch heute gar keine Vorstellung mehr machen“.


Wir wussten nicht, dass es die beste Zeit unseres Lebens war.
Wir waren glücklich – Momente voller Unbeschwertheit.
Die Uhren gingen damals anders, langsamer.
Davon könnt ihr euch heute gar keine Vorstellung mehr machen.
Wir waren frei und sprühten vor Lebensfreude – es war ein Fest.
Und die Liebe, sie kam mit offenen Armen.
Mit all ihren Gefühlen, ihrer Lust und ihrer Leidenschaft.
Ja, damals, als meine Zauberhafte noch lebte.
Damals, bevor die Geister sie mir für immer nahmen.
Ach könnte ich nur zurück, für einen Tag.

Helikopter-Mütter

„Ich möchte wissen, wo sie ist, was sie macht, wann sie heimkommt, wie sie heimkommt und mit wem sie überhaupt unterwegs ist. Ich bin schließlich ihre Mutter!“

„Das ist Kontrolle.“

„Das ist keine Kontrolle, das ist Liebe.“

Die alte Dame lachte auf.

„Tja, Kind, dann habe ich dich wohl nicht geliebt. Denn damals, als du 16 warst, gab es kein Handy, ich wusste nie, wo du genau bist, was du machst, wann du tatsächlich heimkommst, wie du heimkommst und mit wem du wirklich unterwegs bist. Davon könnt ihr euch heute gar keine Vorstellung mehr machen. Ich habe dich aber trotzdem nicht eingesperrt. Stattdessen habe ich meiner Erziehung vertraut.“

Der Text entstand im Rahmen des Schreibprojekts 9+1. Der vorgegebene Satz war „Davon könnt ihr euch heute gar keine Vorstellung mehr machen.“

Schreibprojekt 9+1 (KW 19)

Zum letzten Satz gab es wieder ein paar schöne Sahnestückchen, die ihr euch unbedingt anschauen solltet.

Manfred hat diesmal über Twitter teilgenommen und Alltägliches + Ausgedachtes schreibt über den Gedanken eines Homosexuellen, in Zukunft heterosexuell zu sein. Meine Wenigkeit befasste sich mit dem Arztwerden, aber das wisst ihr wahrscheinlich schon.


Der nächste Satz entsprang einem Gespräch zwischen dem Liebsten und mir.

Davon könnt ihr euch heute gar keine Vorstellung mehr machen.

Wie immer: Eine Kurzgeschichte mit 10 Sätzen, einer davon muss der vorgegebene sein.