Homebase

Morgen früh, wenn sich die Sonne über den kleinen Berggipfel kämpft, werde ich meine letzten Sachen packen und aufbrechen. Einerseits zwar nur zu einer mehrtägigen Fortbildung, andererseits aber geradewegs in einen neuen Lebensabschnitt.

Das Haus, das ich morgen früh verlasse, wird nicht mehr mein Zuhause sein, wenn ich mich Sonntagabend auf den Heimweg mache. Es ist dann meine letzte Wohnadresse.

Heim komme ich in einen mir noch fremden Ort, der ab sofort mein Zuhause sein soll. Samstag zieht mein Hab und Gut ein, Sonntag folge ich.

Eigentlich bleibt keine Zeit für einen Umzug. Ein Termin jagt den nächsten, das Unternehmen läuft zunehmend an, mein ehrenamtliches Vorsitzendenjahr steht in den Startlöchern und bringt bereits zahlreiche Verpflichtungen mit sich. Und dann sind da ja auch noch der feste Job, mein eigenes Gewerbe und ein weiteres Ehrenamt.

Eigentlich ist wirklich so gar keine Zeit für einen Umzug. Aber wo ein Wille, da ein Weg. Deshalb ist es irgendwie gelungen, alles nebenbei zu organisieren. Tatsächlich ist sogar alles wirklich gut durchgeplant. Das wird aber leider nichts daran ändern, dass der Einzug letztlich nur nebenbei läuft. Dass die Kisten in einer Stunde zwischen den Terminen ausgeräumt werden, dass man kurz vor knapp ins Möbelhaus fährt, weil viele Dinge bewusst erst später eingekauft werden sollen. Und dass vieles liegen bleiben wird, weil es nicht anders geht.

Morgen verlasse ich mein Zuhause. Mit der festen Hoffnung und dem unbedingten Willen, an Weihnachten wieder ein Zuhause zu haben. Einen Ort, der mir Kraft gibt und an dem ich mich erholen kann. Einen Ort, den ich unbedingt würdigen und wertschätzen möchte. Denn er ist unsere Wahl für einen neuen Lebensabschnitt. Unsere gewollte Veränderung, unser Schritt nach vorne. Unsere Homebase für die nächsten Jahre.

 

Wonderful, wonderful life

It’s a wonderful, wonderful life singt SEEED ins Mikro.

Und ich fühle, was sie da singen, schließe meine Augen, gebe mich der Musik hin und singe und tanze, als hätte ich die Leidenschaft erst jetzt entdeckt. It’s a wonderful, wonderful life.

In diesem einen Moment ist alles stimmig, so gut und friedlich und richtig. Inmitten von 15.000 anderen Menschen und an einem völlig fremden Ort habe ich mich so vollkommen gefühlt, wie selten zuvor in meinem Leben. Als mich die Woge dieses magischen Moments erfasst, lächle ich. Sich großartig zu fühlen, ist das eine. Es in dem Moment auch zu bemerken, das andere.

It’s a wonderful, wonderful life.

 

 

Flower Power

Vor einigen Tagen war ich auf einer Preisverleihung. Am Ende der Veranstaltung bat die Moderatorin nochmal alle Preisträgerinnen und Preisträger und alle Laudatorinnen und Laudatoren auf die Bühne. Das Publikum beklatschte sie und – wie so oft – drückte man jeder Dame einen hübschen Blumenstrauß in die Hand.

Seitdem frage ich mich: Warum?

Vielleicht mag es eine Art Tradition sein. Für mich ist das aber eher eine Tradition der Unart. Ich finde den Akt auf gewisse Weise sogar diskriminierend und herabwürdigend.

Soll damit besondere Wertschätzung gegenüber der Frauen ausgedrückt werden? Wenn ja: Warum? Was ist mit den Männern? Und was wäre wohl los, wenn man das Spiel mal umdrehen würde und die Frauen leer ausgingen, während man den Herren jeweils eine Flasche Whiskey in die Hand drücken würde?

Mich interessiert eure Meinung. Was haltet ihr von dieser „Blumenstrauß-Tradition“? Und warum?

 

Och… ich bin zufrieden

Ich hatte gerade den letzten Bissen meiner Pizza runtergeschluckt und den Teller beiseite geschoben, als eine ältere Dame freudestrahlend auf meine Freundin zuging. Ihre Miene erhellte sich ebenfalls schlagartig und sie sprang auf, um sie zu begrüßen.

Die beiden kannten sich von früher. Aus dem Stall. Immer dann, wenn die ältere Dame ihre Autotür zuschlug, fingen die Pferde bereits an mit den Hufen zu scharren. Logisch. Jeder weiß, dass ältere Damen immer was zu essen dabei haben. Und sie war eindeutig eine von den guten.

„Wie geht es Ihnen?“, fragte meine Freundin erfreut.

„Och… ich bin zufrieden“, sagte sie und Lachfalten zogen sich über ihr 84jähriges Gesicht.

Ihre positive Art ergriff mich sofort und ich fing an zu strahlen wie ein Honigkuchenpferd. Sie war so echt, so authentisch, so warm, dass die Welt in diesem Moment so unfassbar in Ordnung war.

Habt ihr jemals gehört, dass ein Mensch auf die Frage, wie es ihm geht, antwortet, dass er zufrieden ist?

Und wie oft hört man überhaupt, dass jemand zufrieden ist?

Und wie oft sagt ihr: „Ich bin zufrieden“?

Ist das nicht schön, wenn man vollen Herzens sagen kann, dass man zufrieden ist?

Ich finde schon. Es ist schön. So, so schön.

Was brauchst du, um sagen zu können, dass du zufrieden bist? Schonmal drüber nachgedacht?

Das ist definitiv einen Gedanken wert. Sogar mehr als einen, finde ich.

 

Coming home

Die Dichte an Ärzten, Juristen und Managern ist extrem hoch. Das war auch zu erwarten. Immerhin gingen wir auf eine Schule, an deren Ende ein pompöser Abiball im Hilton stand. Und weil wir so bescheiden sind und so wenig Geld haben, ließen wir auch direkt noch ein DSDS-Sternchen auftreten.

Wenn die Eltern schon Ärzte, Juristen und Manager sind und in der Villengegend unserer ohnehin gut betuchten Stadt ein beachtliches Anwesen besitzen, dann sind manche Wege wohl (scheinbar) vorgezeichnet.

Vielleicht war auch ein bisschen zu erwarten, dass es bisher gerade mal 10 % sind, die inzwischen Kinder haben (während ungefähr genauso viele schon ihren Doktor in der Tasche haben). Ich weiß noch genau, dass im Abibuch steht, in zehn Jahren stelle ich mir vor, verheiratet zu sein, ein eigenes Haus und Kinder zu haben.

Aber es kam anders. Wie bei so vielen. Während die eine verrückte Menschen für bekannte Formate von Privatsendern castet, war die andere an der G5-Auktion beteiligt. Und wenn man zusammennimmt, welche Orte wir schon gesehen haben, dann wurde inzwischen die ganze Welt bereist.

So abgehoben und arrogant der Hintergrund mancher Familien und der Schule klingen mag, so bodenständig sind wir dennoch immer gewesen und erstaunlicherweise auch geblieben. Niemand fragte nach dem Haus, dem Boot, dem Auto. Und die, mit denen man sich früher nicht gut verstanden hat, begegnen einem heute mit offenen Armen. Jeder interessierte sich aufrichtig für den anderen, freute sich über die Wege, die die Menschen genommen haben, würdigte das Strahlen in den Augen, bestärkte andere in ihrem Tun und war letztlich immer nur an einem interessiert:

Bist du glücklich (geworden)?

 

 

 

 

Wind of Change

Kürzlich war ich auf Heimatbesuch. Irgendwann entwickelte sich das Gespräch mit meiner Familie in Richtung Klima und Fridays for Future. Da sagte ich folgenden Satz:

„Ich finde es wichtig, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass wir alle für das Klima verantwortlich sind und damit auch die Pflicht haben, unseren Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.“

„Wieso? Tust doch doch auch nicht. Du bist mit dem Auto hier“, meinte meine Mutter.

Sie hat insoweit Recht, dass ich mit dem Auto da war. Mir deswegen allerdings abzusprechen, grundsätzlich etwas für das Klima zu tun, ist schlichtweg falsch, übergriffig und beleidigend. Aber es ist leider typisch deutsch. Entweder du gibst alles (und das immer und zu 120 %) – ernährst dich also vegan, fährst maximal mit dem ÖPNV, kaufst Second-Hand-Kleidung, nutzt grundsätzlich Energiesparlampen, achtest auf regionale Produkte etc. – oder du kannst es halt auch direkt lassen, weil du es sonst nicht ernsthaft betreibst, und damit schon gar kein Recht dazu hast, zu sagen, jeder sollte was fürs Klima tun. Entweder du bist die Heiligkeit vorm Herrn oder der erste, den sie kreuzigen, sobald sie sich auf den Moralschlips getreten fühlen, weil sie in deinen Worten Dinge hören, die du nicht gesagt hast. (Das ist übrigens ähnlich wie mit Veganern.)

Und stellt euch echt mal vor, man würde wirklich fordern, jeder sollte was für das Klima tun. Jeder! Wo kämen wir denn da hin? Freiheit wird ja inzwischen an Tempolimit und Fleischkonsum gemessen. Und die Würde eines jeden ist schließlich unantastbar. Dem Klima den Vorzug zu geben, wäre ja eine geradezu lächerliche Debatte. Jedenfalls solange, bis die eigene Arroganz und Ignoranz unsere Gesellschaft und schließlich die Weltbevölkerung in eine Lage bringt, die wir selbstverständlich nicht haben kommen sehen.

Ich finde, Marc-Uwe Kling bringt es ziemlich gut auf den Punkt:

„Ja, wir könnten jetzt etwas gegen den Klimawandel tun, aber wenn wir dann in 50 Jahren feststellen würden, dass sich alle Wissenschaftler doch vertan haben und es gar keine Klimaerwärmung gibt, dann hätten wir ja völlig ohne Grund dafür gesorgt, dass man selbst in den Städten die Luft wieder atmen kann, dass die Flüsse nicht mehr giftig sind, dass Autos weder Krach machen noch stinken und dass wir nicht mehr abhängig sind von Diktatoren und ihren Ölvorkommen. Da würden wir uns schön ärgern.“

Und wer will sich schon ärgern?

Eine ähnliche Alles-oder-nichts-Mentalität wie meine Mutter teilt auch ein anderer Mensch in meinem nahen Umfeld: „Wir können am Klima nichts mehr ändern“, glaubt er (hört er immer im Fernsehen). Und genau deswegen, angenommen, es würde stimmen, kann man ja halt auch erst recht alle Strecken mit dem Auto zurücklegen, aus Vergnügen fliegen und insbesondere Sportfliegerei betreiben, Fleisch essen und einfach auf alles scheißen. Immer in der festen Überzeugung, dass die Würde des Menschen unantastbar ist und grundsätzlich vor dem Klima kommt. Und es macht alles noch viel mehr Spaß, wenn man bereits in einer Position ist, in der man die Radieschen sowieso schon von unten betrachtet, während sich die weltweite Lage dramatisch zuspitzt. Je älter die Menschen werden, desto öfter begegnet mir diese Haltung. Nach mir die Sintflut – wahrscheinlich im wahrsten Sinne des Wortes.

Ich kann das Klima alleine nicht retten – selbst wenn ich alles gäbe, also die 150 km mit dem Zug gefahren wäre, wäre das noch zu wenig. Ich kann es aber auch alleine nicht ruinieren. Vielmehr muss ich mir darüber bewusst sein, dass ich Teil eines großen Ganzen bin. Zwar nur ein kleiner Teil, aber einer, der gemeinsam mit den anderen kleinen Teilen sehr, sehr viel bewegen kann. In die eine wie in die andere Richtung.

Dafür brauchen wir aber erstmal ein Bewusstsein. Die Alles-oder-nichts-Denke ist dabei nicht hilfreich, in meinen Augen ist sie sogar hochgradig kontraproduktiv. Um es mit Voltaire zu sagen: „The perfect is the enemy of the good.“

„Etwas“ ist immer noch besser als „gar nichts“. Und wenn es nur bedeutet, dass die Schinkenwurst ab sofort alle zwei Tage und nicht mehr täglich auf dem Brot landet, dann ist das immerhin „etwas“. Also besser als „gar nichts“ und als der Glaube, man selbst könnte sowieso nichts tun!

Wer übrigens wirklich glaubt, er wäre zu klein, um Großes zu bewegen, war noch nie alleine mit einer Mücke in einem Raum. Und was Mücken schaffen…

Tipp:
Absolut empfehlenswert ist übrigens die Aprilfolge der Anstalt zum Thema „Klima“: https://www.zdf.de/comedy/die-anstalt/die-anstalt-vom-9-april-2019-100.html

Wie man ganz schnell Single wird #75

Der Liebste hält mir sein Handy unter die Nase.

„Hier, ein Nerdwitz, hat mir der Malte geschickt.“

Da steht irgendwas von Elon Musk, dem Mars und Doom.

Ich verstehe es nicht und gebe dem Liebsten sein Handy wieder.

„Soll ich es dir erklären?“, fragt er.

„Nee.“

„Auch nicht, wenn es ein wichtiges Kulturgut ist?“

„Ja. Ich kann gut damit leben, hier eine Bildungslücke zu haben.“

„Jetzt muss ich nur noch damit leben können, dass du da eine Bildungslücke hast“, murmelt er.

Ich gucke ihn scharf an.

„Wie man ganz schnell Single wird…“, sage ich.

„Ja, genau“, meint er. „Indem man eklatante Bildungslücken hat!“