Shame on me

An was denkt ihr, wenn ihr das Wort „Scham“ hört?

Vielleicht denkt ihr wie ich an diese peinlichen Situationen, die euch widerfahren sind, wo ihr noch abends im Bett knallrot angelaufen seid und euch am liebsten für immer unter der Decke verkrochen hättet.

Das ist allerdings keine Scham, sondern Verlegenheit bzw. Peinlichkeit, was oft mit Scham verwechselt wird.

Scham ist ein intensives, schmerzhaftes Gefühl, das bis zum körperlichen Schmerz reicht, und uns glauben lässt, wir wären fehlerhaft oder unzureichend und deshalb nicht wertvoll oder liebenswert.

Diese Definition stammt von Brené Brown, einer Forscherin, die sich seit vielen Jahren mit Verletzlichkeit und Scham beschäftigt. Aktuell lese ich ihr Buch „Daring greatly“, in dem Scham eine besondere Rolle einnimmt.

Seitdem hagelt es Erkenntnisse.

Perfektionistische Menschen – also definitiv ich – sind durch Scham getrieben. Und wenn ich so recht darüber nachdenke, dann kann ich das nur bestätigen. Mir war nie klar, wieso ich mich in manchen Situationen verhalte, wie ich es tue. Weshalb ich manchmal ziemlich unfreundliche Gedanken mir gegenüber habe. Wieso ich glaube, dass das gerechtfertigt wäre.

Gleichzeitig erkenne ich die Scham aller anderen Menschen. Die Scham meiner Mutter, meiner Brüder, meines Partners, meines Vorgesetzten, meiner Mitmenschen. Die Scham, nicht gut genug zu sein, nicht liebenswert zu sein, unzureichend zu sein, fehlerhaft zu sein.

Scham zieht sich durch das Leben jedes Menschen und betrifft die Bereiche Aussehen/Körper, Geld/Arbeit, Elternschaft, Erziehung, Sex, Religion, Familie, mentale/physische Gesundheit, Sucht, überstandene Traumata und Stereotypen/Vorurteile. Es gibt keinen Menschen, der keine Scham fühlt.

Die gute Nachricht ist: Man kann eine Schamresilienz entwickeln, einen gesunden Umgang mit Scham finden.

Ich gebe zu, ich „struggle“ noch. Aber ich schäme mich nicht, zuzugeben, wofür ich mich schäme.

Ich schäme mich für meine Cellulites, für mein furchtbar schlechtes Bindegewebe. Rund 50 Kilo abgenommen zu haben, hat es nicht besser gemacht.

Ich schäme mich für meine Rheumaerkrankung.

Ich schäme mich dafür, krumme Zehen zu haben und einen bereits leicht verkrüppelten Finger.

Ich schäme mich dafür, ständig an den Fingern zu knibbeln.

Ich schäme mich für meine kaputten Finger durchs Knibbeln.

Ich schäme mich zu sagen, dass ich mich weitgehend vegan ernähre.

Ich schäme mich dafür, sehr gut ausgebildet zu sein, und trotzdem nur eine halbe Stelle zu haben, während ich gleichzeitig zwar zwei Unternehmen, aber bisher trotzdem nie das Geld verdient habe, das mir gemäß meiner Bildung – rein statistisch – zukommen müsste.

Ich schäme mich für den Großteil meiner Familie und dafür, wie sie lebt.

Ich schäme mich dafür, extrem viel Cola zu trinken.

Ich schäme mich dafür, mein Essen zu wiegen und Kalorien einzutragen.

Ich schäme mich dafür, essenstechnisch zu eskalieren, wenn ich keine Gelegenheit habe, mein Essen zu wiegen.

Ich schäme mich dafür, heimlich eine Küchenwaage in meinem Aktenschrank zu haben.

Ich schäme mich dafür, mein halbes Leben schon mit einer Essstörung zu kämpfen.

Ich schäme mich dafür, immer wieder depressive Phasen zu haben, mit meiner Energie nicht immer gut haushalten zu können und irgendwie auch nie genug davon zu haben.

Ich schäme mich dafür, mir keine Pausen zu gönnen und nicht abschalten zu können.

Scham ist übrigens keine Schwäche. Das weiß ich, deshalb kann ich darüber sprechen. (Übrigens einer der ganz wichtigen Teile von Schamresilienz.)

Sie abzustellen bzw. ihr konstruktiv zu begegnen, gelingt mir allerdings nicht. Noch nicht.

 

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Wie man ganz schnell Single wird #75

Der Liebste hält mir sein Handy unter die Nase.

„Hier, ein Nerdwitz, hat mir der Malte geschickt.“

Da steht irgendwas von Elon Musk, dem Mars und Doom.

Ich verstehe es nicht und gebe dem Liebsten sein Handy wieder.

„Soll ich es dir erklären?“, fragt er.

„Nee.“

„Auch nicht, wenn es ein wichtiges Kulturgut ist?“

„Ja. Ich kann gut damit leben, hier eine Bildungslücke zu haben.“

„Jetzt muss ich nur noch damit leben können, dass du da eine Bildungslücke hast“, murmelt er.

Ich gucke ihn scharf an.

„Wie man ganz schnell Single wird…“, sage ich.

„Ja, genau“, meint er. „Indem man eklatante Bildungslücken hat!“

Was falsch an dir ist

„Ich frage mich, was falsch an mir ist“, sagt meine Freundin, als wir über ihre neue Beziehung sprechen. Sie hatte den Satz gerade beendet, da gingen alle Alarmglocken in meinem Kopf los. Am liebsten hätte ich sie geschüttelt, wachgerüttelt und einen Eimer eiskaltes Wasser über ihren Kopf gekippt. Aber ich schweige erstmal.

Sie hat immer wieder Stress mit ihrem neuen Freund, denn er erklärt sie bzw. ihr Verhalten permanent zum Problem. Und auf die Frage, was denn falsch an ihr sei, bekommt sie seit einer Woche keine Antwort von ihm.

„Du wirst auch keine kriegen“, sage ich. „Und selbst wenn du eine kriegst, ist sie nicht richtig. Denn an dir ist nichts falsch. Wenn er ein Problem hat, dann nicht wegen dir, sondern wegen sich. Mit deiner Frage signalisierst du ihm allerdings, dass du bereit bist, etwas an dir als „falsch“ anzunehmen. Und du öffenst ihm die Tür, dich als Mensch in deiner vermeintlichen Falschheit darzustellen und zu bewerten, während er von seinem eigentlichen Problem, sich selbst, ablenken kann. Mehr noch: Ihm wird so gar nicht bewusst, dass sein Problem nicht du bist. Du suggerierst es ihm aber, steigst auf seine Attitüde ein und bestätigst ihn in seiner Denkweise. So wird sich euer Problem nicht ändern, denn das innere Wachstum, das er für sich wahrscheinlich bräuchte, kann so nicht stattfinden.“

Ich finde immer wieder faszinierend und erschreckend, wie Menschen glauben, an ihnen sei etwas falsch, wenn ein anderer ein Problem mit ihnen hat. Ich möchte euch was sagen, liebe Menschen:

Nichts an euch ist falsch!

Gar nichts!

Ihr seid der Mensch, der ihr seid. Und wenn jemand ein Problem mit euch hat, dann ist es erstmal sein und nicht euers. Denn jeder Mensch ist für sich selbst verantwortlich.

Sicherlich haben wir Effekte auf die Menschen um uns herum, aber diese Menschen sind alle selbstbestimmt, für sich selbst verantwortlich. Jeder kann selbst entscheiden, wie er mit den Dingen umgeht, die um ihn herum passieren. Jeder hat die Chance, das Beste aus seiner Situation zu machen.

Aber nicht jeder hat den Mut.

Und deswegen sind viele andere falsch. Denn es ist einfach, die Verantwortung abzuschieben und die Fehler in anderen Menschen zu suchen.

Das ist so viel leichter, als sich bewusst zu machen, dass man selbst dafür verantwortlich ist, inwieweit einen etwas affektiert. Dass man selbst für seine Gefühle und Gedanken verantwortlich ist. Dass man sie sich selber macht.

Es ist ganz bestimmt nicht immer einfach, all das anzunehmen. Aber nur der, der es tut, ist wirklich frei. Findet seinen inneren Frieden, seine innere Balance. Und kann sich ganz sicher sein: Nichts an mir ist falsch.

Denn so, ihr Lieben, ist es: Nichts an euch ist falsch. Gar nichts.

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Meine Ergotherapeutin freut sich. Sie hat nämlich ein Parkhaus lahmgelegt und wurde nicht verprügelt.

„Ich wollte nur schnell ins Karstadt. Die hatten ein Paar Schuhe im Prospekt, das ich kaufen wollte.“

Was sie nicht bedachte, war die Dachbox auf ihrem Auto.

„Wir fahren ja nie mit Dachbox. Ich hatte sie wirklich ganz vergessen. In die erste Etage kam ich ja noch, in der zweiten blockierte dann alles.“

Und die Autoschlange hinter ihr wurde länger und länger. So lang, dass die Parkhausbetreiber entschieden, niemanden mehr ins Parkhaus zu lassen.

„Und wissen Sie was? Niemand hat geschimpft! Niemand hat „typisch Frau“ gesagt. Alle waren nett. Dann haben mir zwei Männer die Dachbox abgeschraubt. Das dauerte ziemlich lang. Aber unglaublich, wie nett die Menschen waren.“

„Menschen sind meistens nett“, sage ich.

„Man hört ja immer wieder, wie Menschen in solchen Situationen wegen Banalitäten verprügelt werden.“

„Ja, den einen von Tausend Fällen hört man“, entgegnete ich.

Die Welt ist im Großen und Ganzen gut. Ja, es gibt Ausnahmen. Und ja, vieles ist noch nicht gut genug. Aber unterm Strich ist es gut. Viele Dinge werden besser. Und das, was wir lesen, hören oder im Fernsehen sehen, stellt oftmals nur einen verschwingend geringen Bruchteil der Realität dar. „Frau nicht verprügelt – trotz vergessener Dachbox“ ist einfach keine Schlagzeile. „Frau verprügelt – wegen vergessener Dachbox“ dagegen schon.

Wollt ihr wissen, wie gut die Welt ist? Dann macht mal diesen Test aus dem Buch „Factfulness“:

  1. Wie viele Mädchen beenden die Grundschule in einkommensschwachen Ländern weltweit?
    1. 20 %
    2. 40 %
    3. 60 %

  2. Wo lebt der Großteil der Weltbevölkerung?
    1. In einkommensschwachen Ländern
    2. In Ländern mit mittlerem Einkommen
    3. In einkommensstarken Ländern

  3. Der Anteil der Weltbevölkerung, der in extremer Armut lebt, hat sich in den letzten 20 Jahren …
    1. Ungefähr verdoppelt
    2. Kaum verändert
    3. Nahezu halbiert

  4. Wie hoch ist die aktuelle Lebenserwartung weltweit?
    1. 50 Jahre
    2. 60 Jahre
    3. 70 Jahre

  5. Zurzeit leben 2 Milliarden Kinder zwischen 0 und 15 Jahren auf der Welt. Wie viele Kinder wird es laut der Vereinten Nationen im Jahr 2100 geben?
    1. 4 Milliarden
    2. 3 Milliarden
    3. 2 Milliarden

  6. Die Vereinen Nationen sagen voraus, dass die Weltbevölkerung bis 2100 um 4 Milliarden Personen steigen wird. Was ist der Hauptgrund dafür?
    1. Es wird mehr Kinder geben (unter 15 Jahre)
    2. Es wird mehr Erwachsene geben (zwischen 25 und 74 Jahre)
    3. Es wird mehr alte Menschen geben (75 Jahre und älter)

  7. Wie hat sich die Anzahl der Menschen, die durch Naturkatastrophen getötet werden, in den letzten 100 Jahren verändert?
    1. Mehr als verdoppelt
    2. Gleich geblieben
    3. Mehr als halbiert

  8. Derzeit leben rund 7 Milliarden Menschen auf der Erde. Wie verteilen sie sich? (1 Person repräsentiert 1 Milliarde Menschen)
    1. 1 Amerika, 1 Europa, 1 Afrika, 4 Asien
    2. 1 Amerika, 1 Europa, 2 Afrika, 3 Asien
    3. 2 Amerika, 1 Europe, 1 Afrika, 3 Asien

  9. Wie viele Einjährige wurden weltweit gegen verschiedene Krankheiten geimpft?
    1. 20 %
    2. 50 %
    3. 80 %

  10. 30 Jahre alte Männer haben weltweit durchschnittlich 10 Jahre die Schule besucht. Wie viele Jahre waren das bei 30-jährigen Frauen?
    1. 9 Jahre
    2. 6 Jahre
    3. 3 Jahre

  11. 1996 gehörten der Tiger, der Große Panda sowie das Spitzmaulnashörner zu den vom Aussterben bedrohten Arten. Wie viele dieser Arten sind heute noch vom Aussterben bedroht?
    1. Zwei von ihnen
    2. Eine von ihnen
    3. Keine von ihnen

  12. Wie viele Menschen haben weltweit Zugang zu Elektrizität?
    1. 20 %
    2. 50 %
    3. 80 %

  13. Globale Klimaexperten glauben, dass die Durchschnittstemperatur in den nächsten 100 Jahren …
    1. Steigt
    2. Gleich bleibt
    3. Sinkt

Wer die Lösung haben und staunen möchte, hinterlässt einfach einen Kommentar. Ich schicke dann eine Mail.

That’s not my name

Dass ich in Deutschland nicht die einzige Person mit meinem Namen bin, wusste ich. Dass ich mal einer Frau über den Weg laufen würde, die genauso heißt wie ich, hielt ich aber für ziemlich ausgeschlossen.

Und dann traf ich sie.

Wir sind beide im gleichen Kreisverband aktiv und stießen auch ungefähr zum gleichen Zeitpunkt dazu. Da weder sie noch ich eine normale Mitgliedsfunktion bekleiden, sondern wichtige Positionen ausfüllen, sind wir beide in verschiedene Kommunikationsströme eingebunden. Das führt hin und wieder zu Missverständnissen.

Deshalb unterbreiteten mir die Herren der Schöpfung den sicher nicht ganz ernst gemeinten, aber doch mit einem Funken Wahrheit versehenen Voschlag, ich solle heiraten. Dann wäre das Problem mit den gleichen Namen gelöst. (Ob man den Vorschlag wohl auch einem Mann unterbreitet hätte..?)

Ich finde solche Äußerungen nicht gut. Sie sind zwar oftmals unbedacht, aber gerade deshalb verraten sie, welches Weltbild noch vorherrscht. Es ist ganz selbstverständlich, dass die Frau ihren Namen abgibt. Übrigens auch für viele Frauen, die das in Wirklichkeit gar nicht wollen.

Immer wieder tönt es – fast schon empörend – aus Frauenmündern: „Mein Mann hätte niemals seinen Namen abgegeben!“

Diese Rechtfertigung finde ich besonders alarmierend. Denn sie zeigt, dass nicht wirklich über den Namen gesprochen wurde. Er wurde nicht diskutiert oder „verhandelt“ bzw. „ausgehandelt“. Andernfalls würde das Ergebnis nicht „Mein Mann hätte niemals seinen Namen abgegeben“ lauten, sondern ein „Ich“ oder „Wir“ beinhalten. Es wäre eine Entscheidung, hinter der man bzw. frau steht, und keine vermeintliche Rechtfertigung, die den Grund ins Außen schiebt und die eigene Selbstverantwortung negiert.

Namen sind nicht Schall und Rauch. Und ich finde, man sollte sich gut überlegen, wer welchen Namen abgibt, annimmt oder vermischt. Diese Entscheidung umfasst weit mehr als nur den bloßen Wechsel von ein paar Buchstaben.

Wenn der Liebste und ich mal heiraten, wird jeder seinen Namen behalten. Als Ehepaar zwei unterschiedliche Namen zu haben, macht verschiedene Dinge zwar deutlich komplizierter, aber es geht eben um mehr als nur das Klingelschild an der Tür. Zum Beispiel um Identität und Reputation.

Dass der Liebste seinen Namen behält, wird für jeden selbstverständlich und normal sein. Ich hingegen werde mich wahrscheinlich eher rechtfertigen müssen. Und wahrscheinlich trotzdem oft mit dem Namen meines Mannes angesprochen werden.

Übrigens ein Grund mehr für mich, meinen Namen zu behalten. Denn ein gesellschaftliches Umdenken erfolgt nicht, solange man bzw. frau sich in alte Muster zwängen lässt.

 

 

 

Was ist denn mit den Menschen los?

Ein Mann bringt seine Ex-Freundin um. Beziehungstat.

Leider nichts Ungewöhnliches. Das und Ähnliches liest man ja fast täglich.

Aber diese Beziehungstat war anders, fast schon „spektakulär“. Gemäß Medien ist Folgendes passiert:

Ein Mann, der sich seiner Ex-Freundin bereits seit einigen Wochen per Gerichtsbeschluss nicht mehr nähern durfte, näherte sich ihr auf offener Straße. Es kommt zum Streit. Die Ex-Freundin flüchtet in einen Laden. Er hinter ihr her. Im Laden schießt er dann auf sie und trifft vier Mal. Sie stirbt noch am selben Nachmittag. Nach der Tat rennt er zur nahegelegenen Bahngleise und will sich in suizidaler Absicht vor einen Zug werfen. Was er verlor, war nicht sein Leben – wobei er das in gewisser Hinsicht wohl doch verlor. Letztlich wurden ihm beim Versuch aber „nur“ die Beine abgetrennt. Schwer verletzt kommt er ins Justizkrankenhaus. Wenige Tage später verhängt der Richter U-Haft. Die Anklage lautet auf Mord.

Eine fürchterliche Tat.

Aber genauso weit weg wie jede andere, die morgens in der Zeitung steht.

Bis vor einigen Tagen. Da wurde ein Bild des Täters veröffentlicht.

Und dann hat es mich eiskalt erwischt. Erschrocken. Erschüttert. Und überrascht. Auf einmal war die Tat ganz nah. Auf einmal war die Tat mit meinem Leben verbunden.

Ich habe meine halbe Kindheit mit diesem Menschen, der geschossen haben soll, verbracht. Mit einem Mal zucken Tausend Gedanken durch meinen Kopf. Und ich muss feststellen, dass ich mit 30 Jahren zwar einiges an Lebenserfahrung sammeln konnte und schon so einige Krisen gemeistert habe, aber für Fälle wie diesen keine fertige Strategie in meinem Lebensrepertoire finden kann.

Stück für Stück gelingt es mir, das Geschehene zur Seite zu schieben, wieder aus meinem Kopf zu verdrängen. Aber was mich nun trotzdem seit Wochen begleitet, ist die Frage, was denn mit den Menschen los ist.

Erst vor wenigen Wochen erfuhr ich, dass sich mein erster fester Freund das Leben genommen hat.

Die Frage des „Warum?!“ quält mich nicht. Nicht beim Ex-Freund, nicht bei der Beziehungstat. Jeder hat sein eigenes Warum. Und ich kann damit leben, es nicht zu wissen. Aber wenn Suizid und Mord auf einmal keine Zeitungsmeldung mehr sind, sondern auf ihre ganz eigene Weise Teil deines Lebens, dann macht das was mit einem.

Wir für Europa – also wir für uns

Ich bin froh und dankbar, in einem friedlichen Europa zu leben, in dem ich viele Freiheiten genießen darf. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Gut, das unsere Vorgänger hart erarbeitet haben.
Das Bewusstsein dafür fehlt in meiner Generation aber oft. Die Wahlbeteiligung ist meist erschreckend niedrig.

Wenn Europa uns in irgendeiner Form nicht gut tut, Angst macht oder um scheinbar Banales, geradezu Lächerliches kreist, spürt man das. Die Flüchtlinge, die DSGVO, diese vermeintlich blöde Gurkenverordnung…
Dass Europa uns aber ein Leben in Wohlstand beschert, dass wir Leben und Arbeiten können, wo wir möchten, dass wir den Luxus haben, oftmals kein Geld wechseln zu müssen, wenn wir verreisen wollen, und dass wir selbst bei einigen Karibikreisen nicht mehr als unseren Personalausweis brauchen.. all das geht unter. Es ist selbstverständlich. Meine Generation ist das so gewohnt. Das war schon immer so. Und Strom kommt aus der Steckdose.

Wir sind eine Generation, die mitentscheiden kann, wo es hingeht. Die Europa stärken kann. Und wir sollten das auch unbedingt tun, denn wir werden noch Jahrzehnte in diesem Europa leben.
Wenn wir nicht für unsere Zukunft eintreten, unsere Gestaltungsmöglichkeit und Mitbestimmung nicht wahrnehmen, dann sind wir, um es mit Norbert Lammerts Worten zu sagen, offiziell die dümmste Generation, die je gelebt hat. Wenn wir aus Arroganz, Ignoranz oder Selbstverständlichkeit zerstören, was einst so mühsam errichtet wurde, haben wir die europäischen Werte nie begriffen und verinnerlicht.

Wenn die Briten schlau sind, dann gehen sie auch zur Wahl. Und zwar in Scharen. Denn wenn die Briten schlau sind, werden sie ihre Chance wahrnehmen, zu zeigen, dass der Brexit ein fataler Irrtum war. Aufgewacht sind ja bereits viele, auch die, die damals glühend für den Brexit gestimmt haben. Aber ob ihnen wirklich klar ist, dass sie nun die Möglichkeit haben, ein Statement zu setzen, bezweifle ich leider noch.
Ein britischer Europabefürworter sagte schon vor der Brexit-Abstimmung, also noch rechtzeitig, aber leider ungehört, dass der Brexit dazu führen wird, dass Großbritannien erstmals seit 300 Jahren keinen Einfluss mehr auf die Welt hat. Und um Norbert Lammert ein weiteres Mal zu zitieren: „Ohne Europa ist Großbritannien nur noch eine mittelgroße Insel in der Nordsee.“

Die jungen Leute möchten Europa, fühlen sich auch mehrheitlich als Europäer. Sie sind wahrscheinlich mit die größten Profiteure von Europa. Sie nehmen es nur leider viel zu wenig wahr. Das, was einst als Friedensbewegung begann, braucht nunmehr eine Wirtschaftsarchitektur. Das knirscht, das knackt, das tut weh, das fordert viel. Von jedem Land, von jedem Unternehmen, von jedem Bürger. Und da muss man jetzt durch. Wir alle.

Gemeinsam.